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Staatliche Pestalozzistiftung Olsberg
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Diese geschichtliche Darstellung endet im Jahre 2000. Für die Neuzeit erhalten Sie weitere und aktuelle Informationen unter der Internetadresse:

www.stiftolsberg.ch

«Staatliche Pestalozzistiftung Olsberg»

Die ersten 50 Jahre

Im August 1860 erfolgte die Aufnahme und Übergabe des Inventars. Am 13. September fand im Beisein einer Regierungsdelegation und der Hauskommission die feierliche Eröffnung des staatlichen Hei-mes statt. Damit waren aber die Schwierigkeiten, mit denen die private Trägerschaft zu kämpfen gehabt hatte, keineswegs weggeräumt. Der bauliche Zustand der Gebäude war schlecht, die Einrichtung dürftig. Für eine umfassende Sanierung fehlte das Geld. Die aargauische Regierung sah sich schliesslich gezwungen, den nördlichen Teil des Kreuzgangs und einen Teil des Ostflügels abtragen zu lassen.

Gemäss erstem Dekret konnten höchstens 24 Kinder Aufnahme finden. Bei der Übernahme galt es allerdings, 15 Knaben und Mädchen weiter zu betreuen. Die Zahl der Kinder stieg rasch an. Gleichzeitig mit der Einstellung eines zweiten Hilfslehrers setzte man die Höchstzahl an verfügbaren Plätzen auf 60 fest.

Von nun an wurden ausschliesslich Knaben aufgenommen. Die meisten stammten aus ärmsten Verhältnissen, waren Halb- oder Vollwaisen. Wenige hatten bis zu ihrem Eintritt eine Schule besucht, viele waren im Bettler- und Vagabundenmilieu aufgewachsen.

Bestandteile des Erziehungsprogrammes waren die Gewöhnung an häusliche und ländliche Arbeit, das Einhalten einer strengen Hausordnung und der Unterricht in der internen Schule. Der Haus-vater führte zusammen mit den Hilfslehrern die zwei Schulabtei-lungen. Jede Abteilung umfasste etwa 30 Schüler, die in vier Klassen aufgeteilt waren. Der Lehrplan der Heimschule entsprach demjenigen der Volksschule.

Für die Entwicklung der Pestalozzistiftung war es von entschei-dendem Vorteil, dass der selbe Heimleiter während Jahrzehnten erfolgreich wirkte. Belastend hingegen war der häufige Lehrerwechsel. Als Grund für diesen nannte man den Mangel an genügend ausgebildeten Fachkräften. Nicht erwähnt wurden die Arbeitsbedingungen und das umfangreiche Pflichtenheft, das die Hilfslehrer zu bewältigen hatten. Während dem Hausvater und seiner Familie eigene Zimmer zustanden, verfügte der Hilfslehrer über keinen privaten Raum. Er schlief mit den Kindern zusammen. Sein zeitlicher und personeller Einsatz war total und dauerte rund um die Uhr.

Diese Wohnweise ermöglichte die ununterbrochene Beaufsichtigung der Schüler, war auf die Dauer aber eine zu grosse Belastung für den Lehrer. Anpassung der Besoldung, partielle Erleichterung im Pflichtenheft, auch die Einstellung eines Aufsichtsgehilfen (Erzieher) vermochten dem häufigen Wechsel der Lehrer nicht entgegenzuwirken.

Die Bewirtschaftung des Areals konnte laufend verbessert und die Erträge gesteigert werden. In günstigen Jahren reichte die Ernte für den Eigenbedarf aus. Das Brotgetreide musste zugekauft wer-den, da der Betrieb auf Milchwirtschaft ausgerichtet war. Um 1910 wurden zur Entlastung des Aufsichtsgehilfen, der bis anhin die Verantwortung für den landwirtschaftlichen Betrieb mitgetragen hatte, ein Melker und ein Ross- und Fahrknecht eingestellt.

Arbeit jeder Art füllte den Tagesablauf voll aus. Jeder ob gross oder klein, musste seinen Beitrag leisten. Kurz nach fünf Uhr morgens standen die Knaben auf, kleideten sich und wuschen sich am Hofbrunnen. Vor dem Frühstück musste das Vieh gefüttert, Holz für die Küche bereitgestellt und kleinere Hausarbeit verrichtet werden. Nach dem Frühstück folgte der Besuch der Schule, wenn nicht landwirtschaftliche Arbeiten Vorrang erhielten. Nach dem Mittagessen setzte sich der Arbeitseinsatz auf dem Feld, im Garten und Weinberg fort. Vor dem Nachtessen musste das Werkzeug gereinigt und versorgt werden. Bevor der Tag seinen Abschluss fand, war noch eine Stunde Spiel und Lektüre angesetzt.

Die Ertüchtigung des Körpers durch Arbeit, Wandern, Turnen und Baden hatte auf die gesundheitliche Entwicklung des Einzelnen einen positiven Einfluss. Trotzdem blieb Olsberg nicht vor epidemischen Erkrankungen verschont. So verlief 1870 eine Scharlachinfektion in vier Fällen tödlich. Eine Typhusepidemie blieb 1876 glücklicherweise ohne Folgen.

Nach dem Austritt erlernten die meisten Burschen einen handwerklichen Beruf. Nur Vereinzelte ergriffen einen Beruf wissenschaftlicher oder technischer Richtung. Um die Jahrhundertwende wurde der Handfertigkeitsunterricht eingeführt, und zugleich eine Knabenmusik gegründet. Beide erwiesen sich als nützliche Instrumente in der Erziehung und in der Förderung individueller Fähigkeiten. Der bauliche Zustand des alten Klosters verschlechterte sich laufend und bereitete zunehmend finanzielle Sorgen. Dabei blieb die Versorgung der Gebäude mit Wasser und Elektrizität weiterhin Wunschtraum. Das Fehlen von elektrischem Licht mochte noch angehen. Die sanitären Einrichtungen aber genügten schon längst nicht mehr. Um der Pflege der Hygiene, wenigstens in den Sommermonaten, gerechter zu werden, wurde beim Violenbach eine Badeanstalt errichtet. Eine richtige Wasserversorgung hätte auch die Einrichtung von Hydranten erlaubt, um einer allfälligen Brandgefahr besser begegnen zu können. Es bestand zwar ein kleiner Weiher, und die Handhabung der kleinen Saugspritze war der Knabenfeuerwehr vertraut.

Die Entwicklung der Pestalozzistiftung bis 1960

Nach Abschluss des ersten Weltkrieges begann der Kanton mit der Realisierung der Ausbauwünsche. Gleichzeitig mit dem Einbau der elektrischen und sanitären Einrichtungen wurden verschiedene Umbauten vorgenommen: Das Treppenhaus verlegte man ins Hausinnere, worauf man den spätmittelalterlichen «Schneggen» abriss und durch einen Turm mit neuer Zweckbestimmung ersetzte. Die Küche wurde vergrössert und im Dachstock erfolgte der schon lange gewünschte Ausbau.

Während eines Gewitters brannte 1916 die fast 200-jährige obere Scheune bis auf die Grundmauern nieder. Ihr Ersatz, mit allerdings geringeren Massen, kam auf das alte Fundament zu stehen. Seit jenem Brand haben die Mitarbeiter der Pestalozzistiftung der allgemeinen Feuerwehrpflicht der Gemeinde nachzukommen.

Personell änderte sich im Heim wenig. Einzig die Stelle eines Werkführers für die Landwirtschaft wurde neu geschaffen. Im Bereich Erziehung und Schule teilten sich weiterhin der Hausvater, seine zwei Hilfslehrer und ein Aufsichtsgehilfe in die Aufgabe. Die Schülerzahl verminderte sich stetig bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Ab 1950 stieg sie auf 45 und blieb unverändert bis 1974. Immer mehr waren es erziehungsschwierige Buben, die ins Heim kamen.

Die wenigen Änderungen im Tagesablauf betrafen allein die Ansetzung der Schulstunden. Im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten wurde von nun an der Vormittag ausschliesslich für die Schule reserviert. Die landwirtschaftlichen Arbeiten beanspruchten viel Zeit im Tagesgeschehen. Die Knaben wurden an Nachmittagen nicht nur auf eigenen Feldern beschäftigt, sondern konnten auch von den Bauern aus dem Dorf zur Mithilfe herangezogen werden.

Die Ferien für die Schüler, die Erzieher und den Leiter dauerten maximal drei Wochen im Jahr. Zusätzlich konnten die Knaben über die Oster- und Weihnachtstage zu ihren Angehörigen reisen. Während von 1950 an die Heime allgemein ihre Erziehungssysteme zu überdenken begannen und sehr oft Wohneinheiten schufen, die das Erziehen in Kleingruppen ermöglichten, blieb Olsberg vorderhand dem Kollektivsystem treu. Dies lag einerseits am akuten und langjährigen Mangel an guten Mitarbeitern. (Eine Heimerzieherschule gab es damals im Aargau noch nicht.) Andererseits belastete das Heim die Ungewissheit, ob der Staat es nicht an einen anderen Ort im Kanton in neu zu erstellende Gebäude verlegen und im Kloster Olsberg eine landwirtschaftliche Schule einrichten würde.

1960 - 1975: Die Zeit der grossen Heimkampagne geht an Olsberg vorerst vorbei

Dieser Abschnitt ist noch in Bearbeitung.

1975 - 2000: Die letzten 25 Jahre - Wege in eine neue Zukunft

Das bauliche und pädagogisches Neukonzept

Nachdem viele Jahre lang das primäre Erziehungsprinzip harte körperliche Arbeit gewesen war, erhielt die Schule schrittweise eine stärkere Gewichtung. Die Eröffnung einer dritten Abteilung ermöglichte kleinere Schülergruppen. Als Entlastung für die Lehrer veranlasste die Heimleitung den Abbau ihres Betreuungsdienstes ausserhalb der Schulstunden. Trotzdem blieb kaum ein Lehrer länger als zwei Jahre.

Die Entlastung der Lehrer und die Einstellung von mehr Erziehern brachte eine Erweiterung des Stellenplans. Heute umfasst der Mitarbeiterstab 20 Personen (Hauswirtschaft, Landwirtschaft und Gärtnerei inbegriffen). Die Zahl der Schüler reduzierte man auf 24. Seit 1975 leben die Knaben in drei Wohngruppen, womit eine Art Familiensystem erreicht wird.

Ausserhalb des Schulunterrichts und der Beschäftigung in den verschiedenen Werkbereichen werden die Buben zur Mithilfe bei Hausarbeiten angehalten. Sie helfen auch in der Landwirtschaft mit. Dem Sport wird seit langem viel Zeit einberaumt. Schulverlegungen, Feste und Feiern im kleineren und grösseren Rahmen, Theaterbesuche und lustbetonte Aktivitäten sind tragende Elemente der Gemütsbildung. In der Ausgewogenheit von Schulunterricht, Werktätigkeit und froher, sinnvoller Freizeitbeschäftigung versuchen wir, dem Grundgedanken Pestalozzis näher zu kommen: die Bildung von Kopf, Herz und Hand.

Was die Gebäude betrifft, so erfolgte in den Jahren nach 1960 die Fassadenrenovation des Hauptgebäudes und der Ausbau und die Renovation von Ritter- und Pächterhaus. In den kommenden Jahren wird wohl eine grundlegende Sanierung des Hauptgebäudes erfolgen müssen. Der Landwirtschaftsbetrieb ist heute voll mechanisiert, auf Acker- und Obstbau ausgerichtet.

Das pädagogische Konzept in Olsberg hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Die verhaltensgestörten Buben zwischen 10 und 15 Jahren, die ins Heim kommen, sind alles schwierige Fälle. Die Einweisungen erfolgen aus sozialen, aus zivil- und strafrechtlichen Gründen, wobei eine Normalbegabung vorausgesetzt wird. Der Auftrag der Institution ist ein vielfacher geworden.

In der Beobachtungsabteilung versuchen wir, den Ursachen der mannigfaltigen Lebens- und Schulprobleme nachzugehen und die Persönlichkeit des Kindes zu erfassen. Dabei hilft uns eine Psychiatrin, die regelmässig im Stift arbeitet und die am Schluss des Beobachtungsaufenthaltes des Buben ein Gutachten erstellt.

Die Durchgangsstation dient Schülern, die notfallmässig aus erzieherischen und fürsorgerischen Gründen aus ihrem Milieu weg müssen, und die für kurze Zeit bei uns aufgenommen werden, bis ein definitiver Platz an einem andern Ort für sie gefunden wird.

In der Sonderschule, bei der Therapie und bei der Erziehung versuchen wir, mit gezielter, pädagogischer Hilfe Geborgenheit zu vermitteln und das Selbstvertrauen zu stärken. Wir legen auch grossen Wert auf eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern der Jugendlichen.

Unsere Schule versteht sich als Individualschule. Jedes Kind wird seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert. Gute Schüler können in den umliegenden Gemeinden die Sekundar-, die Bezirksschule, die Berufswahlklasse besuchen oder ein Werkjahr an ent-sprechenden Schulen absolvieren. Anderseits steht unsere Heimsonderschule auch externen Schülern aus dem Bezirk offen.

Während seines Aufenthaltes bei uns erfolgt für den Jugend-lichen eine eingehende Berufsabklärung und -beratung, und ein individuelles Vorbereitungsprogramm soll ihm zu einem optimalen Eintritt ins Erwerbsleben verhelfen. Über die Schulzeit hinaus kann der schulentlassene Jüngling seine Lehre von uns aus absolvieren, d.h. weiterhin im Heim wohnen.

Abschnitt zur Umsetzung der baulichen Neukonzeption und die weitere pädagogische Entwicklung 1985 - 2000 ist noch in Bearbeitung.

Das kurze Stück Entwicklungsgeschichte unseres Heimes ist keineswegs abgeschlossen. Das Erbe Pestalozzis, welches wir angetreten haben, ist und bleibt unser Auftrag in alle Zukunft. Hoffen wir, dass unser Heim auch weiterhin über einen Mitarbeiterstab verfügen kann, der diesen Auftrag in jedwelcher Situation erfüllen will und wird.

ab 2000 - Die Staatliche Pestalozzistiftung heute: www.stiftolsberg.ch